Freude am Wort.

Ist Agape die „Gottesliebe“?

Eine der häufigsten Annahmen, die wir in der Gemeinde seit Jahrzehnten immer wieder hören und nie konsequent hinterfragen, lautet in etwa so, wie Renke Bohlen, Pastor der Bochumer Pfingstgemeinde „Ava Kirche“, es wiedergibt1:

Jetzt gibt’s im Neuen Testament, das wissen viele, drei Begriffe für Liebe im Griechischen. Das eine ist eros; ich glaube das wissen wir alle, was damit gemeint ist. Dann gibt’s das Wort philia, das ist die zwischenmenschliche, freundliche Liebe. Und dann gibt’s die agape. Weißt du, wofür agape steht? Für göttliche Hingabe, für göttliche Liebe.“ 

Wenn du wie ich bist, hast du diese Aussage in einer ähnlichen Form jahrelang geglaubt, wie so viele eben, die wir hören und nicht minutiös hinterfragen. Viele Gemeinden, häufig der Pfingstbewegung angehörend, beziehen sich auf diese besondere „Agape-Liebe“, die die Liebe Gottes beschreiben soll, und nennen sich entsprechend „Agape Church“ oder nutzen das Wort für einen bestimmten Dienstbereich.

Auch wenn die These schönen Gedanken entspringen mag (wahrscheinlich der Grund, dass sie selten hinterfragt wird), ist die Unterscheidung dieser drei Worte biblisch nicht zu verteidigen. Die diversen Probleme möchte ich hier aufzeigen.

Was bedeutet eros?

Es ist erstaunlich, festzustellen, dass das Wort eros biblisch fast vollkommen fremd ist. Im griechischen Neuen Testament kommt es, entgegen der obigen Aussage Bohlens, gar nicht einmal vor. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, finden wir es immerhin zwei Mal:

Komm, wir wollen uns in Liebe berauschen bis zum Morgen, an Liebkosungen uns ergötzen.
Sprüche 7,18

der Scheol und der verschlossene Mutterleib2, die Erde, die des Wassers nicht satt wird, und das Feuer, das nicht sagt: „Genug!“
Sprüche 30,16

Ein weiteres Mal finden wir eros in den Apokryphen in derselben Septuaginta:

Liebhaber des Bösen und solcher Hoffnungen würdig / sind alle, die es anfertigen, die nach ihm verlangen und die es anbeten.
Weisheit 15,6

Wir stellen fest: Ausgerechnet das Hohelied Salomos enthält eros nicht ein einziges Mal.

Während das Wort in der klassisch-griechischen Literatur durchaus häufig Gebrauch im sexuellen Kontext fand, was wir durch die heute explizit sexuelle Erotik, die davon abgeleitet ist, leicht nachvollziehen können, ist der Gebrauch im 1. Jahrhundert im jüdisch-christlichen Kontext weitaus hilfreicher, um die für uns relevante Dreiteilung der Liebe zu untersuchen.

Bevor wir diesen betrachten, ist es aber wichtig, festzustellen, dass dieser sexuelle Gebrauch auch in der griechischen Literatur nicht exklusiv war. Der Gebrauch im letzten zitierten Text gibt es gut wieder: eros beschrieb ein tiefes Verlangen nach etwas, erst einmal unabhängig von dessen Objekt. Letzteres konnte genauso die Wahrheit oder die Erde sein. Der Kontext konnte genauso positiv wie auch negativ sein. 

Philo von Alexandria, der zur selben Zeit wie Jesus lebte, nutzte eros, um die himmlische und göttliche Liebe als „Quelle aller Tugend“ zu beschreiben:

Wenn der Geist aber vom himmlischen Eros (ἔρωτι οὐρανίῳ – erōti ouraniō) erfasst wird, wird er beflügelt, schwingt sich in die Höhe, überschreitet die gesamte sichtbare Welt und dringt in die geistige Welt vor […] Dort schaut er die unbeschreibliche Schönheit der unkörperlichen Ideen.3

In seinen allegorischen Schriften verbindet er das Verb erao mit der intellektuellen und geistlichen Sehnsucht der Seele u. a. nach „guten Dingen“ wie Frieden oder Wahrheit. 

Für uns am relevantesten ist für uns ein Autor wie Ignatius von Antiochien (ca. 35-108 n. Chr.), der an die Römer schrieb: 

Mein Eros [ὁ ἐμὸς ἔρως] ist gekreuzigt, und es ist in mir kein Feuer, das die Materie liebt, sondern ein ‚lebendiges und sprechendes Wasser‘ in mir, das in meinem Innern mir zuruft: Komm zum Vater! Ich habe keine Freude an vergänglicher Nahrung noch an den Vergnügungen dieses Lebens. Gottes Brot will ich…“.4

Weiter heißt es:

Ich verlange [ἐρῶ] zu sterben.

Justin der Märtyrer (100-165 n. Chr.) schrieb folgendermaßen:

In meiner Seele aber entbrannte sogleich ein Feuer, und es erfaßte mich eine Liebe [ἔρως] zu den Propheten und zu jenen Männern, welche Freunde Christi sind. Ich überdachte seine Worte und fand, daß dies die einzig sichere und nützliche Philosophie sei.5

Im 3. Jahrhundert schrieb Porphyrios über den eros auf eine Weise, in der wir nach heutigem Verständnis agape erwarten würden:

Vier Grundprinzipien sollen im Hinblick auf Gott besonders fest verankert sein: Glaube, Wahrheit, Liebe [ἔρως] und Hoffnung. Denn man muss glauben, dass die Hinwendung zu Gott das einzige Heil ist; wer aber glaubt, muss sich mit ganzer Kraft bemühen, die Wahrheit über ihn zu erkennen; wer sie erkannt hat, muss den Erkannten lieben [ἐρᾶν]; und der Liebende muss seine Seele zeitlebens mit guten Hoffnungen nähren.6

Entgegen dieser strengen Einordnung als romantische Liebe stellen wir also fest, dass eros eine breite Nutzung in der antiken Literatur findet. Eros (und die Verbform erao) zeugen von einer starken Liebe, sind aber bei Weitem nicht auf romantische oder „erotische“ Liebe beschränkt, und genauso wenig auf eine impulsive oder negative Form derselben.

agape und philia

agape

Während das Hohelied keine einzige Verwendung von eros aufweist, obwohl wir diese dort nach heutigem Verständnis des Wortes sicherlich erwarten würden, finden wir stattdessen häufig agape und dessen Verbform agapao. Dieses Wort kommt hier zehnmal vor, von den 18 Nutzungen insgesamt im Alten Testament. Diverse davon zeugen von einem äußerst leidenschaftlichen Kontext:

Er hat mich in das Haus des Weines geführt, und sein Banner über mir ist die Liebe. [5] Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe!
Hohelied 2,4-5

Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hirschen des Feldes, dass ihr weder weckt noch stört die Liebe, bis es ihr gefällt!
Hohelied 2,7

Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Geliebten findet, was sollt ihr ihm berichten? Dass ich krank bin vor Liebe.
Hohelied 5,8

Lege mich wie einen Siegelring an dein Herz, wie einen Siegelring an deinen Arm! Denn die Liebe ist gewaltsam wie der Tod, hart wie der Scheol ihr Eifer; ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme Jahs.
Hohelied 8,6

Gleichzeitig übersetzt adelphidos (wörtl. eigentlich zurückgehend auf adelphos = Bruder) folgende Verwendungen des Wortes:

Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhe, das zwischen meinen Brüsten ruht. [14] Eine Zypertraube ist mir mein Geliebter, in den Weinbergen von En-Gedi.
Hohelied 1,13-14

Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die ihm köstliche Frucht.
Hohelied 4,16b

Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung, und mein Inneres wurde seinetwegen erregt.
Hohelied 5,4

Nie würden wir auf die Idee kommen, ein auf Brüderlichkeit zurückgehendes Wort in solch zutiefst romantischen, oft sexuellen Passagen einzuordnen. Doch deshalb schauen wir, wie die Bibel Wörter nutzt, um deren Bedeutung kontextuell zu verstehen.

Um zum eigentlichen Kern zurückzukommen, ist es hilfreich, genau diesen Kontext für agape zu betrachten – das Wort, das, obwohl es gar nicht in der jüdischen oder christlichen Literatur entstand7, scheinbar auf die „Gottesliebe“ beschränkt werden muss.

Ein Exkurs in die weltliche Nutzung ist an dieser Stelle gar nicht notwendig. Die Bibel selbst gibt uns schockierende Beispiele, bei denen wir nicht wagen würden, das Wort auf Gottes Liebe zu limitieren; ansonsten stünden wir vor einem großen theologischen Problem. Agape und dessen Verb beschreiben z. B. Amnons inzestuöse Vergewaltigung seiner Halbschwester Tamar:

Und Amnon hasste sie mit sehr großem Hass; denn der Hass, mit dem er sie hasste, war größer als die Liebe, mit der er sie geliebt hatte. Und Amnon sprach zu ihr: Steh auf, geh!
2. Samuel 13,15

Will irgendjemand behaupten, Amnon hätte Tamar mit bedingungsloser, göttlicher Liebe geliebt?

Weiter wird das Verb genutzt, um Simsons fatale Liebe zu Delila zu beschreiben: Und es geschah danach, da liebte er eine Frau im Tal Sorek, ihr Name war Delila. (Richter 16,4)

Diese Liebe war es, mit der Salomo viele fremde Frauen liebte: An diesen hing Salomo mit Liebe. (1. Könige 11,2b)

Der Psalmist beschreibt mit diesem Wort die Liebe der Gottlosen für Gewalttaten:

Der HERR prüft den Gerechten; aber den Gottlosen und den, der Gewalttat liebt, hasst seine Seele.
Ps 11,58

Jeder der widerspenstigen Fürstenliebt Geschenke und jagt nach Belohnungen (Jesaja 1,23). Alle, die Gott hassen, lieben den Tod (Sprüche 8,36).

Auch im Neuen Testament finden wir absolut gottlose agape. In Johannes 3,19 lesen wir, dass die Menschen die Finsternis mehr geliebt haben als das Licht. Woanders verurteilt Jesus selbst die agape des ersten Sitzes in den Synagogen seitens der Pharisäer (Lukas 11,43). Johannes 12,43 kontrastiert die Liebe der Ehre bei den Menschen mit der bei Gott. Auch die Apostel nutzen solche negativen Formen der agape-Liebe, wie etwa Paulus in 2. Timotheus 4,10, wenn er Demas beschreibt, der den jetzigen Zeitlauf lieb gewonnen hat.

philia

Gleichzeitig stellen wir fest, dass philia nicht nur „freundliche Liebe“ beschreibt, sondern durchaus austauschbar mit anderen Vokabeln für romantische Liebe9 und auch Gottes Liebe stehen kann.

Wenn die agape die Gottesliebe beschreibt, gehen wir dann davon aus, dass der Sohn und der Vater sich nur brüderlich lieben, wenn phileo verwendet wird? Tatsächlich finden wir philia und phileo sogar häufig im göttlichen Gebrauch:

Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er selbst tut; und er wird ihm größere Werke als diese zeigen, damit ihr euch verwundert.
Johannes 5,20

denn der Vater selbst hat euch lieb, weil ihr mich lieb gehabt und geglaubt habt, dass ich von Gott ausgegangen bin.
Johannes 16,27

Agape und philia sind oft austauschbar. Während Johannes 5,20, wie gerade aufgezeigt, durch phileo die Liebe des Vaters zu seinem Sohn beschreibt, lesen wir synonym in Johannes 3,35 mit agapao:

Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.
Johannes 3,35

In Johannes 20,2 lesen wir von dem Jünger, den Jesus lieb hatte (phileo), während wir in 13,23 und 21,7 vom selben Jünger lesen, den Jesus liebte (agapao).

Die Septuaginta übersetzt Sprüche 8,17a „Ich liebe, die mich lieben“ mit agapao und phileo, obwohl der hebräische Text zweimal dasselbe Wort nutzt.

Fazit

Wir stellen fest, dass, wie es so oft der Fall ist, die Bedeutung von Wörtern immer in erster Linie anhand ihres jeweiligen Kontexts festgestellt werden muss. Dies ist der Grund, dass es kaum Wörter gibt, für die wir im Lexikon lediglich eine Definition vorfinden.

Die strenge semantische Trennung von agape⁠, ⁠phileo und eros ist ein relativ neuartiges Phänomen und hat keine Basis in der Heiligen Schrift. Stattdessen sehen wir eine viel größere semantische Überlappung als diese künstliche Trennung von Definitionen es zulässt. 

Diese Erkenntnis erfordert kein tiefes, vorsichtiges Studium der drei Wörter; ein einfacher Blick in die Konkordanz genügt, um zu sehen, wie alle drei in ganz unterschiedlichen Passagen verschiedenste Bedeutungen aufweisen. Alle drei Wörter finden wir im positiven wie auch negativen Sinne, in romantischen, brüderlichen, freundschaftlichen und göttlichen Beschreibungen. Es gibt nicht ein Wort für Gottesliebe, ein Wort für romantische Liebe und ein Wort für die brüderliche Liebe.

Zudem gibt es nicht einfach nur drei Wörter für Liebe – allein das Neue Testament zeugt mit Vokabular wie stergo, splagchnon, epipotheō und vielen weiteren Beispielen von einem weitaus umfangreicheren biblischen „Wortschatz der Liebe“, als es diese These erlaubt.

Solange Pastoren nicht aufhören, ihre Predigtinhalte von anderen zu kopieren, anstatt in Wort und Lehre zu arbeiten (1. Timotheus 5,17) und eigenständig ins Wortstudium zu gehen, werden wir so bald leider nicht sehen, dass die Verbreitung dieser leicht widerlegbaren Lehre, auf die niemand im eigenen Studium käme, ein Ende nimmt.


Weiterführende Quellen

Exegetical Fallacies von D. A. Carson ist das Standardwerk, das auf dieses und viele weitere misslungene Wortstudien (und weitere Arten von Auslegungsfehlern) hinweist, die zum Teil großflächigen Eintritt in die Gemeinde gefunden haben.

Greek For Life von Benjamin L. Merkle und Robert L. Plummer enthält passend zu dieser Diskussion eine ausführlichere Betrachtung eines hierzu oft zitierten Textes in Johannes 21.

Fußnoten

  1. Quelle (YouTube). ↩︎
  2. In der Septuaginta eros gynaikos, also etwa „Liebe der Frau“, gedanklich zurückgehend auf die Sehnsucht einer Frau nach einem Kind. ↩︎
  3. De opificio mundi, § 70–71 (ins Deutsche übersetzt) ↩︎
  4. Ignatius‘ Brief an die Gemeinde in Rom (Epistula ad Romanos), Kapitel 7, VV. 2-3. ↩︎
  5. Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Tryphon (Dialogus cum Tryphone Judaeo). ↩︎
  6. Porphyrios‘ Brief an Marcella (Ad Marcellam), Kapitel 24. ↩︎
  7. Die klassisch-griechische Literatur bezeugt, dass die Verwendung von agape seltener war als die von philia und eros; es wäre also durchaus korrekt zu sagen, dass die biblischen Autoren dessen Nutzung verstärkt haben – dies begann allerdings bei den Juden bereits einige Zeit vor Christus. ↩︎
  8. vgl. Psalm 52,3-4 und 109,17. ↩︎
  9. s. z. B. Titus 2,4 oder die romantischen Küsse in Hohelied 1,2. ↩︎

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