Freude am Wort.

Lehrt Paulus in Römer 8,29-30 Erwählung?

Einer der häufigsten Einwände gegen die Lehre der bedingungslosen Erwählung folgt einem weitverbreiteten Gedanken, wie Dinesh D’Souza ihn kürzlich in seinem öffentlichen Kampf gegen die Lehre verbreitet hat:

D’Souza fragt: „Ist Vorkenntnis dasselbe wie Vorherbestimmung? Wenn ich weiß, dass es morgen regnet, bedeutet das, dass ich es morgen regnen lassen werde?

Die längere Debatte, um die es hier geht, behandelt Römer 8,29-30, die berühmte Passage, deren Inhalt oft als „goldene Kette der Erlösung“ bezeichnet wird:

Denn welche er zuvorerkannt hat, die hat er auch zuvorbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. [30] Welche er aber zuvorbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.
Römer 8,29-30

Die „goldene Kette“ ist leicht erkennbar: Jeder Gläubige wird von Gott zuvorerkanntzuvorbestimmt → berufen → gerechtfertigtverherrlicht. In diesem Punkt gibt es eigentlich keine Debatte. Doch es gibt einen Grund, warum solche, die nicht an die bedingungslose Erwählung glauben, diese Bezeichnung nicht bevorzugen: Sie wollen in den letzten vier der fünf Begriffe ein aktives Handeln Gottes sehen, aber im allerersten, zuvorerkannt, ein passives. „Da Gott die Zukunft kennt, erwählt er jeden, bei dem er zuvorerkannt hat, dass er sich eines Tages für Ihn entscheiden wird.“

Warum dies weder lexikalisch noch grammatikalisch noch im Kontext des Römerbriefes theologisch haltbar ist, werde ich in diesem Beitrag ausführlich behandeln und Paulus‘ Lehre1 der bedingungslosen Erwählung verteidigen.

Eine These ohne Fundament

Wie soeben festgestellt, glauben viele, Gottes Erwählung sei ein reaktiver Akt. Wen Gott zuvorbestimmt, beruft, rechtfertigt und verherrlicht, hänge ultimativ davon ab, wer sich in seinem scheinbar freien Willen von Gottes allgemeiner, allen Menschen gleichermaßen geltender Liebe ergreifen lässt. Gott erwähle niemanden zum Heil, bevor Er wisse, dass die Person eine positive Reaktion auf das Hören des Evangeliums zeige.

Bevor ich aufzeige, warum dies nicht dem Sinn von zuvorerkannt in der hiesigen Passage entspricht, hilft es, zu sehen, wie Paulus anderweitig über Erwählung und Vorherbestimmung spricht.

Erwählung in Epheser

Besonders zielführend sind Paulus‘ klare Worte in Epheser 1. Er preist den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus (1,3) und erläutert den Umfang Seines Segens:

wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe; [5] und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst, nach dem Wohlgefallen seines Willens
Epheser 1,4-5

in dem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir zuvorbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Rat seines Willens
Epheser 1,11

Gott hat uns also, die Heiligen und Treuen in Christus Jesus (1,1) auserwählt, und das vor Grundlegung der Welt. Die Konsequenz dieser Erwählung: dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe und die Sohnschaft durch Jesus Christus empfangen.

Unsere Heiligkeit ist also die Frucht von Gottes Erwählung. Man merke auf: Nicht unsere Heiligkeit bedingt unsere Erwählung, sondern genau andersherum. Genau hier „verbirgt“ sich die eigentlich gar nicht so mysteriöse, unschwer auffindbare Lehre der bedingungslosen Erwählung.

Wir stellen fest, dass wir hier ein klares, direktes Objekt dieser Erwählung in Christus haben: Uns. Ihr Zeitpunkt: vor Grundlegung der Welt. Paulus legt den Ephesern unmissverständlich dar, dass Gott die Entscheidung des Heils aller Erwählten bereits getroffen hat, bevor die Erde selbst erschaffen wurde; diese Tatsache ermöglicht seine folgenden, berühmten Worte:

Denn durch Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.2
Epheser 2,8-9

Aus demselben Grund kann Lukas über die aus den Nationen, zu denen Paulus und Barnabas gepredigt hatten, schreiben: es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren. (Apostelgeschichte 13,48)

Während Paulus in Vers 4 von der Auserwählung spricht, wechselt er in Vers 5 auf Vorherbestimmung – zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst. Wir sind als Seine Kinder zuvorbestimmt, nicht nach unserem Willen, sondern nach dem Wohlgefallen seines Willens (vgl. V. 11: nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Rat seines Willens)).

Es fällt auf, dass jedes aktive Verb in dieser Passage ausnahmslos Gott als Subjekt hat. Der menschliche Wille ist außen vor. Die Vorherbestimmung individueller Menschen, die zur Erlösung des erworbenen Besitzes ist (1,14), dient zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade (1,6, 12, 14).

Wenn wir also nach dem „Warum“ der Erwählung fragen, ist das hier die eindeutige biblische Antwort, die uns die Schrift offenbart. Dass sie unserem Fleisch nicht dient, da unser Wille dabei völlig außen vor ist und Gottes Ratschluss dadurch auf keiner tieferen Ebene offenbart wird als auf dieser, ist kein valider Grund, die Lehre abzulehnen.

Verse 7-8 zeigen unmissverständlich, dass diese Erwählung eine erlösende ist:

in dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade, [8] die er uns gegenüber hat überströmen lassen in aller Weisheit und Einsicht
Epheser 1,7-8

Abschließend erläutert Paulus in 1,13-14, dass der Heilige Geist das Unterpfand (ἀρῥαβών, Garantie) unseres Erbes ist – und zwar des Erbes derselben Heiligen, die der Vater erwählt hat.

Erwählung in 2. Timotheus

Eine ebenfalls beeindruckende Passage, welche die bedingungslose Erwählung lehrt, finden wir in 2. Timotheus:

der uns errettet hat und berufen mit heiligem Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben
2. Timotheus 1,9

Auch hier ist Gott das exklusive Subjekt der aktiven Verben. Er ist es, der uns errettet und berufen hat. Ebenso wenig wie Menschen sich selbst regenerieren, rechtfertigen oder adoptieren können, können sie sich selbst berufen; und dieser Ruf ist ein wirksamer, nach Gottes Vorsatz und Gnade, vor ewigen Zeiten gegeben.

Auch hier entfällt jede Möglichkeit, den Willen oder die Fähigkeit des Menschen hineinzulesen, wenn es um unsere Errettung geht. Welchen Zweck hätte es für Paulus, von Gottes vor Ewigkeiten beschlossenem Vorsatz zu sprechen, wenn dieser ultimativ doch auf unserem zukünftigen, von Gottes Eingreifen unabhängigen Glaubensakt basierte?

Erwählung in Römer 9

Jede Betrachtung von Römer 8 wäre unvollständig, wenn wir nicht Paulus‘ Fortsetzung in Kapitel 9 betrachten würden. Nicht nur handelt es sich dort um seine ausführlichste Verteidigung ebendieser Lehre, der ich mich in diesem Beitrag widme, sondern sie macht auch jeden Gedanken zunichte, eine kognitive Vorkenntnis in 8,29-30 hineinzulesen.

Zuallererst ist es aber hilfreich, festzustellen, dass wir in Römer 9,11-12 vier Parallelen zu dem eben zitierten Text in 2. Timotheus finden:

selbst als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten (damit der Vorsatz Gottes nach Auswahl bleibe, [12] nicht aus Werken, sondern aus dem Berufenden), wurde zu ihr gesagt: „Der Größere wird dem Kleineren dienen“
Römer 9,11-12

Wir stellen fest: Neben dem zeitlich vergangenen Entschluss (als die Kinder noch nicht geboren waren) finden wir hier ebenfalls den Ruf (καλέω) Gottes, den Ausschluss von Werken (ἔργα) als entscheidendes Kriterium sowie den Vorsatz (πρόθεσις) Gottes.3

Äußerst relevant ist die Tatsache, dass Paulus hier unmissverständlich klarstellt: Der Vorsatz Gottes geschieht nach Auswahl und gründet rein in dem Berufenden. Den menschlichen Willen schließt er dabei explizit als Faktor aus: als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten.

Paulus‘ Zurückgreifen auf die Geschichte von Jakob und Esau ist hier nicht arbiträr, sondern ein gezielter Konter auf jüdisches Denken seiner Zeit. Im Jubiläenbuch („das kleine Genesis“) vom 2. Jahrhundert v. Chr. lesen wir, wie man versucht hat, durch genau diese Erzählung den menschlichen Willen hervorzuheben:

Da sprach Isaak zu ihr:

Auch ich weiß und sehe, was Jakob an uns tut,
wie er uns mit seinem ganzen Herzen ehrt.
Aber ich liebte früher Esau mehr als Jakob,
weil er zuerst geboren war.
Jetzt aber liebe ich Jakob mehr als Esau.
Denn dieser verübte viele schlimme Werke,
und keine Gerechtigkeit ist an ihm,
sondern alle seine Wege sind Ungerechtigkeit und Gewalttat,
und keine Gerechtigkeit ist um ihn.

Jubiläenbuch 35,13

Im Pseudo-Philo lesen wir sogar aus Gottes Perspektive:

Und Isaak zeugte zwei Söhne, Esau und Jakob. Und Gott liebte Jakob, doch Esau hasste er, aufgrund seiner Werke. Und er gab Jakob das Erbe, doch Esau trennte er von seinem Volk.

Der jüdische Philosoph Philo von Alexandria (ca. 20 v. Chr. bis 50 n. Chr., also ein Zeitgenosse des Paulus) versuchte, die Bibel mit griechischer Philosophie zu vermischen – dieselbe Philosophie, die die Christenheit heute immer noch in Fragen der Freiheit unseres Willens sichtbar beeinflusst, und in D’Souza’s Worten Widerhall findet:

„Wiederum sagen sie, dass Jakob und Esau […] ihre jeweiligen Bestimmungen zugewiesen bekamen, als sie noch im Mutterleib waren. Denn Gott, der Schöpfer aller Lebewesen, kennt all seine Werke genauestens, und noch bevor er sie vollständig vollendet hat, erfasst er die Fähigkeiten, mit denen sie in Zukunft ausgestattet sein werden, und er sieht all ihre Handlungen und Leidenschaften im Voraus.“
Philo, Allegorische Interpretation, Buch 3, Abschnitt 88

Nachdem Paulus dieser Philosophie gezielt entgegentritt, betont er in V. 14 den natürlichen Einwand: Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne! Es folgen harte Worte in den Versen 9,15-24. So hart, dass sie jeden Leser auf ganz natürliche Weise schockieren, doch schlussendlich machen sie das eigentlich schon Klare, die absolute Bedingungslosigkeit der Erwählung aus Römer 8,29-30 und den eben zitierten Versen, noch deutlicher:

Paulus zitiert Gott aus der Torah, der zu Mose spricht: „Ich werde begnadigen, wen ich begnadige, und ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme.“ (9,15) Weiter heißt es: Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott. (9,16)

Der Versuch, den Willen des Menschen in Gottes vor Grundlegung der Welt beschlossener Erwählung zu integrieren, scheitert hier.

Paulus nutzt Gottes Verhärtung des Pharaos als Beispiel und beweist damit, dass er keine neue Lehre erfindet: Denn die Schrift sagt zum Pharao: „Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erweise und damit mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde.“4 [18] So denn, wen er will, begnadigt er, und wen er will, verhärtet er. (9,17-18)

Er greift einen weiteren antizipierten Einwand auf: Warum tadelt er denn noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden? (9,19b) Er antwortet, und es ist egal, ob wir diesen Text auf Deutsch oder im griechischen Original lesen – Paulus spricht Klartext, und wir brauchen kein tiefes historisches Vorwissen, um seine Metapher zu verstehen:

Wer bist du denn, o Mensch, der du das Wort nimmst gegen Gott? Wird etwa das Geformte zu dem, der es geformt hat, sagen: Warum hast du mich so gemacht? [21] Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton5, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen? [22] Wenn aber Gott, willens, seinen Zorn zu erweisen und seine Macht kundzutun, mit vieler Langmut ertragen hat die Gefäße des Zorns, die zubereitet sind zum Verderben, [23] und damit er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Begnadigung, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat – [24] uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen.
Römer 9,20-24

Man bemerke: Die Masse, aus der Gott das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre macht, ist dieselbe. Es gibt nichts in der Masse, das Gott zu der einen oder der anderen Entscheidung „verholfen“ hat. Gott macht nicht verschiedene Gefäße aus zwei unterschiedlich wertvollen Massen. So wird die Parallele zu Jakob und Esau zuvor im Kapitel komplett: Beide sind Geschöpfe Gottes, doch eines hat Gott erwählt, das andere nicht. „Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.“ (9,13) Und so wie Gott den Pharao erweckt hat, um seine Macht an ihm zu erweisen und Seinen Namen auf der ganzen Erde zu verkünden (9,17), so bereitet er Gefäße des Zorns zum Verderben zu (9,22), um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Begnadigung kundzutun (9,23).

Vorkenntnis ist nicht kognitiv

Nun müssen wir uns ansehen, was es eigentlich mit dem Begriff Zuvorerkannt auf sich hat. Vor wenigen Jahren habe ich selbst geglaubt, dass dieser offensichtlich von kognitivem Vorwissen sprechen muss, schließlich heißt er im Original προγινώσκω (proginosko). Aha! Da haben wir doch das Wort „Prognose“ her.

Durchaus ist der primitive Sinn des Wortes „im Voraus wissen, Vorkenntnis haben“6, und diesen finden wir sogar zweimal im Neuen Testament: Apostelgeschichte 26,5 und 2. Petrus 3,17. Der Kontext macht jeweils unmissverständlich klar, dass die Bedeutung kognitiv ist (wie etwa, dass Paulus‘ jüdische Ankläger ihn „von früher her kennen“ (proegnōskasi me)).

Doch wie wird proginosko und das verwandte Nomen prognosis anderweitig in der Bibel genutzt? Dieser Einblick wird uns helfen, die korrekte Definition in Römer 8,29-30 zu identifizieren.

Die früheste Nutzung von proginosko finden wir in der Apostelgeschichte, wo Petrus den gekreuzigten Jesus predigt, der Wunder unter den Juden tat:

diesen, hingegeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht.
Apostelgeschichte 2,23

Auf ähnliche Weise sehen wir den direkten Zusammenhang mit Gottes Ratschluss. Entscheidend ist, dass beide Punkte nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern eng zusammengehören; es handelt sich um ein Hendiadyoin, ein rhetorisches Stilmittel, um dieselbe Sache mit zwei verschiedenen, aber verwandten Wörtern, auszudrücken.

Würde Petrus hier meinen, dass der Vater bloß zuvor wusste, dass Sein Sohn an das Kreuz geschlagen und umgebracht werden würde, wäre die Erwähnung Seines bestimmten Ratschlusses hinfällig.

Das Bild wird klarer, wenn wir uns die Beziehung von Vorkenntnis und dem Sohn in Petrus‘ eigenen Briefen ansehen. Dort heißt es in seiner Beschreibung des Christus:

der zwar zuvorerkannt ist vor Grundlegung der Welt, aber offenbart worden ist am Ende der Zeiten um euretwillen
1. Petrus 1,20

Das kognitive Verständnis des Wortes wäre hier äußerst seltsam. Gott hat Jesus zuvor erkannt, aber am Ende der Zeiten offenbart? Was genau hat der Vater erkannt? Dass Sein Sohn so handeln würde, wie er es tat?

Hier wird deutlich, dass wir uns in einer weitaus tieferen Ebene befinden als bloßes Wissen. Der Vater und der Sohn haben bereits vor ewigen Zeiten in Beziehung miteinander gelebt. Nun kommt Römer 8,29 ins Spiel: Dieser Zeitpunkt in der Geschichte war es, zu dem der Vater Seinen Sohn auf die Welt gesandt hat, um Ihn, den Erstgeborenen unter vielen Brüdern, uns in Seinem wunderbaren Heilsplan zu offenbaren.

Noch mal diese Passage im Kontext:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind. [29] Denn welche er zuvorerkannt hat, die hat er auch zuvorbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. [30] Welche er aber zuvorbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.
Römer 8,28-30

Genauso wie der Vater den Sohn zuvorerkannt hat, und das vor Grundlegung der Welt, hat er uns, alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen (Römer 1,7) vor Grundlegung der Welt zuvorerkannt.

Diese Beziehung wird im Zusammenhang mit Jesu ewiger Einheit mit dem Vater auf wunderschöne Weise in seinem hohepriesterlichen Gebet sichtbar:

Vater, ich will, dass die, die du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt.
Johannes 17,24

Dass Jesus vor Grundlegung der Welt von seinem Vater zuvorerkannt ist, heißt auch, dass dieser bereits zu ebendieser Zeit von ihm geliebt war. Was für ein wunderbares Zeugnis der Dreieinigkeit und dem vereinten, göttlichen Willen, Gottes Volk zu erlösen. Hier sehen wir, was es heißt, in Christus erwählt zu sein (Epheser 1,3-4): Christus ist der erstgeborene unter vielen Brüdern, die der Vater, genauso wie ihn, zuvorerkannt und geliebt hat.

„Zuvorerkannt“ ist nicht passiv

So ergeben Paulus‘ Worte in Römer 8,29-30 nun auch Sinn – denn wir stellen fest, Paulus nutzt mit προέγνω (zuvorerkannt) bewusst ein aktives Verb, das sich zu allen anderen aktiven Verben, die Gottes Handlung beschreiben, einreiht. Ein wichtiges Detail, das in der deutschen Übersetzung nicht sichtbar wird. Nichts an Gottes Vorkenntnis bricht sein aktives, erwählendes Handeln vor Erschaffung der Welt, und dieser Text fordert diese Tatsache nicht heraus, sondern bestätigt sie allemal.

Was aber sehr wohl sichtbar, in dieser Diskussion aber selten erwähnt wird: Was genau hat Gott zuvorerkannt? Menschen! Nicht Handlungen, nicht ihre Glaubensschritte. Nein, die Menschen selbst hat er erkannt. Das Relativpronomen οὓς (welche) ist ein Akkusativ. Paulus schreibt nicht ὅτι („dass sie glauben würden“) oder τί („was sie tun würden“); das direkte Objekt Gottes sind Personen, keine Handlungen, Bedingungen oder Entscheidungen.

Stattdessen ist Zuvorerkannt hier ein durch und durch von Beziehung geprägter Begriff. Ich erinnere mich an meine bibelkritische Englischlehrerin, die, obwohl sie eine Sprache unterrichtet, vor ihrer Klasse ihre Ignoranz zu 1. Mose 4,1 kundtat und die Wortwahl für lächerlich hielt:

Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Kain; und sie sprach: Ich habe einen Mann erworben mit dem HERRN.
1. Mose 4,1

Kein Mensch würde behaupten, dass Adam Eva kognitiv erkannte. Wir wissen, was das Verb, im Hebräischen das berühmte yada, beschreibt. Was viele nicht wissen: Auch dieses Wort bedeutet primär wissen, erkennen, kennen.

Tatsächlich wird dieser Begriff in seinen knapp eintausend Nutzungen im Alten Testament sogar in erster Linie entsprechend verwendet. Kapitel 3 enthält mehrere solcher Nutzungen (die Erkenntnis ihrer Nacktheit (3,7) oder von Gut und Böse, wenn Adam und Eva von dem Baum essen (3,22)). Wenige Verse nach diesem (4,1) spricht Kain zu Gott, dass er nicht weiß (yada), wo sein Bruder Abel ist (4,9).

Wenn es jedoch um die Beziehung zwischen zwei Personen geht, ist die Definition klar, und alle Übersetzungen bezeugen dies. Besonders häufig beschreibt yada, welches in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments standardmäßig mit ginosko übersetzt wird, die Beziehung zwischen Gott und Seinem Bundesvolk:

Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Ungerechtigkeiten an euch heimsuchen.
Amos 3,2

Ich aber bin der HERR, dein Gott, vom Land Ägypten her; und du kennst keinen Gott außer mir, und da ist kein Retter als nur ich. [5] Ich habe dich ja gekannt in der Wüste, im Land der Gluten.
Hosea 13,4-5

Und diejenigen, die gottlos handeln gegen den Bund, wird er durch Schmeicheleien zum Abfall verleiten; aber das Volk, das seinen Gott kennt, wird sich stark erweisen und handeln.
Daniel 11,32

Besonders persönlich ist die Beschreibung von Gottes Erwählung Jeremias als Propheten:

Bevor ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt: Zum Propheten an die Nationen habe ich dich bestellt.
Jeremia 1,5

Eine von vielen Weisen, in der sich Jesus mit Israels Bundesgott identifiziert, ist das Aufgreifen genau dieser zutiefst persönlichen Vokabel:

Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr, Herr!“, wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. [22] Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? [23] Und dann werde ich ihnen erklären: Ich habe euch niemals gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!
Matthäus 7,21-23

Zurück zu Paulus kommen wir, wenn wir den Galaterbrief lesen:

jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr aber von Gott erkannt worden seid, wie wendet ihr euch wieder um zu den schwachen und armseligen Elementen, denen ihr wieder von neuem dienen wollt?
Galater 4,9 (vgl. 1. Korinther 8,3)

Doch der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt, die sein sind; und: Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit!
2. Timotheus 2,19

Sicher würde keiner behaupten, dass der Herr von denjenigen nichts weiß, die nicht sein sind.

Unvergleichbar hilfreich ist es, festzustellen, dass Paulus in Römer 11, also nur wenige Kapitel später und als Teil derselben Diskussion über Israel schreibt – und zwar ebenfalls mit proginosko:

Ich sage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit aus dem Geschlecht Abrahams, vom Stamm Benjamin. [2] Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvorerkannt hat.
Röm 11,1-2a

Das Vokabular, das Paulus nutzt, darf hier nicht unterschätzt werden. Die Frage ist: Hat Gott sein Volk verstoßen (ἀπώσατο)? Die Antwort: Gott hat sein Volk nicht verstoßen – er hat es zuvorerkannt.

Das Verb ἀπώσατο (apōsato) ist das, welches im griechischen Alten Testament verwendet wird, wenn ein Ehemann seine Ehefrau verstößt, also sich praktisch von ihr scheiden lässt. In Jeremia 3,8 lesen wir, wie Gott Israel, weil sie die Ehe gebrochen hat, einen Scheidebrief gegeben hatte.

Wer in Gottes Vorkenntnis in Römer 11 immer noch einen Glauben der Israeliten voraussetzt, damit Sein Nicht-Verstoßen greifen kann, wird sich schwertun. Wenn Gottes Vorkenntnis lediglich das Feststellen eines Glaubens meint, das Er sieht, wenn er durch die Korridore der Zeit blickt, dann wird man hier massiv enttäuscht: Gott würde nichts sehen außer anhaltenden Unglauben, Ungerechtigkeit und fehlende Gottesfurcht. Von Israel aber sagt er: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu einem ungehorsamen und widersprechenden Volk.“ (Römer 10,21)

Paulus erklärt, wen genau Gott zuvorerkannt hat:

So besteht nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade. [6] Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade. [7] Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; aber die Auserwählten haben es erlangt, die Übrigen aber sind verhärtet worden.
Römer 11,5-7

Genauso erläutert Paulus, bevor er in 8,29-30 beschreibt, wen Er zuvorerkannt hat, die Unfähigkeit des natürlichen Menschen, unabhängig von Seinem Willen zu Ihm zu kommen:

Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden, [7] weil die Gesinnung des Fleisches Feindschaft ist gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht. [8] Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen.
Römer 8,6-8

Fazit

Eine grammatikalische, lexikalische, kontextuelle und theologische Untersuchung von Gottes Vorkenntnis in Römer 8,30 macht die heute sehr beliebte, im Ursprung arminianische Lehre der praescientia fidei, Gottes passives „Vorwissen des Glaubens“, exegetisch unhaltbar.

Der darin vielleicht gut gemeinte Gedanke entspringt einem Missbrauch von Paulus‘ klaren Worten über die Erwählung, Gottes Ratschluss und exklusivem Willen in der Errettung Seines bereits vor Erschaffung der Welt geliebten Volkes. Gottes Vorkenntnis ist keine passive, kognitive Feststellung, sondern ein aktiver Beziehungsakt.

Noch mal auf das Zitat von Dinesh D’Souza zurückgehend:

Ist Vorkenntnis dasselbe wie Vorherbestimmung? Wenn ich weiß, dass es morgen regnet, bedeutet das, dass ich es morgen regnen lassen werde?

Der Fehler, den er macht, ist letzten Endes kategorischer Natur: „Wenn ich weiß…“. Wir importieren unser Denken, unser Vermögen und unsere Natur in die unbeschreiblich und unendlich tiefere Natur Gottes, und wir überschreiben damit die Selbstoffenbarung unseres souveränen Schöpfers mit unserer scheinbar besseren humanistischen Philosophie, die den Menschen, seine Würde, seine Vernunft und seine Freiheit in den Mittelpunkt stellt.

Dies war der Fehler des Erasmus, den Luther ausführlich in seinem wohl berühmtesten Werk De servo arbitrio („Über den geknechteten Willen“) bereits vor 500 Jahren zunichte machte; genauso tat es bereits Paulus vor knapp zweitausend Jahren, als die griechischen Philosophen und sogar jüdische Gelehrte die Menschen zu seiner Zeit mit denselben Gedanken in die Irre führten.

Gott weiß nichts zufällig voraus, sondern er sieht alles vorher, nimmt sich vor und tut alles nach seinem unwandelbaren, ewigen und unfehlbaren Willen. Durch diesen Donnerschlag wird der freie Wille völlig zu Boden geworfen und zermalmt.
Martin Luther (WA 18, 615)


Fußnoten

  1. Zu Jesu eigener Erwählungslehre, besonders in Johannes 6, plane ich einen separaten Beitrag, um den hiesigen nicht zu sehr aufzublähen und den paulinischen Fokus zu bewahren. ↩︎
  2. Es gibt Versuche, die „Gabe Gottes“ in Epheser 2,8-9 so zu interpretieren, dass sie den Glauben ausschließt. Neben der Tatsache, dass dies grammatikalisch unhaltbar ist, stellt Paulus in seinem Brief an die Philipper explizit fest, dass der Glaube an Christus Gottes Gabe ist: Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden. (Philipper 1,29) ↩︎
  3. Eine enorm verbreitete Ansicht ist, dass Paulus in Römer 8 zwar von Errettung spricht, aber in Kapitel 9 plötzlich das Thema wechselt. Diese Parallelen zum eindeutig soteriologischen Kontext in 2. Timotheus sind zwar hilfreich, um diesen Punkt zu entkräften, doch die Parallelen im selben Brief, Paulus‘ Vokabular in Kapitel 9 selbst sowie dem unmittelbaren Kontext sollten längst reichen, um den Punkt zu widerlegen. Sollte ich hier Bedarf spüren, werde ich ebenfalls dazu einen separaten Beitrag veröffentlichen. ↩︎
  4. Ein weit verbreitetes Mantra lautet: „Der Pharao hat sich erst selbst verhärtet, bevor Gott es für ihn tat.“ Nicht nur tritt Paulus dem hier direkt entgegen (Eben hierzu habe ich dich erweckt), so deklariert Gott Mose bereits in 2. Mose 4,21-23, dass er Pharaos Herz verhärten will, bevor Mose diesem erstmals begegnete. Folglich heißt es wiederholt, als Pharao sein Herz verhärtete: so wie der HERR geredet hatte. (2. Mo 7,13; vgl. 7,22, 8,11, 8,15) ↩︎
  5. Ich weiß nicht, wie oft ich schon folgenden Einwand gehört habe: „Gott hat uns nicht als Roboter oder Marionetten geschaffen.“ Nun, da stimme ich zu. Doch der, der alles wirkt nach dem Rat seines Willens (Epheser 1,11) hat sich sehr wohl das Recht genommen, uns als Ton zu bezeichnen. ↩︎
  6. BDAG-Lexikon (2001) ↩︎

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