Dies ist der emotional geladenste Artikel, den ich in absehbarer Zeit schreiben werde. Er behandelt eine praktische, oft individualistisch statt biblisch behandelte Frage:
Interessiert es Gott, was ich trage?
Ich kann vorneweg sagen, dass kein Fazit folgt, das eine strenge Checkliste für eine „christliche Kleiderordnung“ bestimmen wird. Sehr wohl werde ich aber viele Leser bei einer ganz fundamentalen Frage herausfordern – eine Frage, an der sich besonders westliche Leser stoßen, da sie sich selten in irgendeiner Tiefe mit ihr beschäftigt haben:
Was, biblisch gesehen, ist Nacktheit eigentlich?
Warum ich weiß, dass diese Frage ignoriert wird? Ich sehe Nacktheit jeden Sommer aufs Neue, und das erfordert nicht einmal den Blick in die dunklen Portale des Internets. Ich sehe sie in unseren Innenstädten; auf meinem Weg zur Arbeit, wenn ich in der Bahn sitze; wenn ich in den Supermarkt gehe… und leider an vielen Sonntagen in der Kirche, besonders jetzt im Sommer. Ich sehe zuweilen in sozialen Medien, wie sich selbst Frauen von Pastoren trotz ihrer Vorbildfunktion nach dem Minimalprinzip kleiden.
Inhaltsverzeichnis
Wenn du diesen Beitrag liest, gehe ich davon aus, dass du Christ(in) bist. Ich gehe auch davon aus, dass du entschieden hast, dein Leben unter dem Willen unseres Herrn Jesus Christus zu stellen und ernstzunehmen, was Gottes Maßstab für einen heiligen Wandel ist. Du weißt, dass du seinem Anspruch nie gerecht werden kannst und sehnst dich Tag für Tag nach der Gnade unseres Retters, der sein Leben für deine Sünden gab.
Gleichzeitig weißt du, dass du den Geist Gottes in dir trägst, der dir Gottes Wort offenbart und dich der Sünde überführt. Ich brauche also keine rhetorische Überzeugungskraft, sondern darf gewiss auf das Werk des selben Geistes vertrauen, den wir in uns tragen, dich zu verändern, wenn du neu darüber nachdenkst, was Er uns in Seinem Wort zu dieser alltäglich relevanten Frage zu sagen hat.
Ich treffe eine Annahme, die ich keinen Christen je hinterfragen hörte: Wir sind als Christen berufen, nicht nackt herumzulaufen.
Folgen wir diesem Prinzip? Dieser Frage möchte ich in diesem Beitrag so gründlich wie möglich auf exegetische Weise auf den Grund gehen – also darauf basierend, was uns die Bibel vollumfänglich darüber berichtet. Es folgt eine entsprechende Abhandlung und ein bisschen Geschichtsunterricht.
Die Schöpfung des Menschen
Interessant ist folgender Punkt: Es braucht kein direktes Gebot, weder im Alten noch im Neuen Testament, um uns in dem oben genannten Grundsatz zu vereinen, dass wir als Christen – sogar als Menschen (auch wenn die FKK-Kultur dies zu hinterfragen vermag) – nicht nackt herumlaufen sollten.
Wir leiten unsere natürliche Aversion aus dem Schöpfungsbericht ab. Gottes Wort macht deutlich, dass Nacktheit mit Scham verbunden ist, und dass die Scham eine Folge des Sündenfalls ist.
Bevor Adam und Eva sündigten, lebten sie in perfekter Gemeinschaft mit dem Herrn. Und sie waren nackt.
Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und sie schämten sich nicht.
1. Mose 2,25
Nach ihrer in 3,6 beschriebenen Rebellion ist das erste, was uns die Bibel offenbart:
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
1. Mose 3,7
Genau dieses Bild der Feigenblätter ist es, das uns durch Gemälde und Filme normalerweise in Erinnerung bleibt.

Schnell gerät ein nicht zu unterschätzendes Detail aus den Augen: Gott hatte einen besseren Plan, um ihre Scham zu bedecken.
Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau
Kleider aus Fell und bekleidete sie.
1. Mose 3,21
Adam und Eva bedeckten sich mit Feigenblättern, aus denen sie sich Schurze machten, die gerade mal ihre Genitalien versteckten. Gott war es aber, der sie vollumfänglich bekleidete.
Die primäre, christuszentrierte Anwendung dieses Textes nicht vergessend (Gott musste schließlich ein Tier opfern, um in seiner Gnade diese Kleidung zu ermöglichen), darf nicht übersehen werden, wie signifikant es ist, dass Adams und Evas Versuch, ihre Scham zu bedecken, praktisch nicht ausreichte.
Gott selbst trat als der erste Modedesigner der Geschichte ein. Sollte es für uns in dieser Diskussion nicht von Interesse sein, dass Gott eine sehr bestimmte Vorstellung davon hatte, was es für Ihn heißt, unsere Scham ausreichend zu bedecken?

Kleidung und Nacktheit aus biblischer Sicht
Die Kleider, von denen in 1. Mose 3,21 die Rede ist, gehen auf das hebräische Wort kuttoneth zurück. Das kuttoneth ist ein Kleidungsstück, das unterschiedliche Längen haben kann, aber immer mindestens die Schultern und Knie bedeckt. Bekannt ist es auch durch das spätere Priestergewand.
Das Wort gymnos, „nackt“, beschreibt in der Bibel normalerweise nicht völlige Nacktheit, wie wir es im modernen Sprachgebrauch verstehen. Häufig bezieht es sich auf jemanden, der sein äußeres Gewand abgenommen hat und nur noch das untere Gewand trägt (die antike Form von Unterwäsche). Auch wenn dieses nach heutigen Standards die größten Teile des Körpers bedeckte, so war es deutlich enger anliegend und machte die Körperform sichtbarer.
Das BDAG-Lexikon definiert dieses Wort deshalb neben „nackt“ nach modernem Verständnis auch als „unangemessen, schlecht bekleidet“ und „leicht bekleidet“ oder „ohne äußeres Gewand“ sein. Diese Definitionen helfen, so manche Passagen besser zu verstehen:
ich war Fremdling, und ihr nahmt mich nicht auf; nackt, und ihr bekleidetet mich nicht; krank und im Gefängnis, und ihr besuchtet mich nicht. [44] Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?
Matthäus 25,43-44
Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, [16] jemand von euch spricht aber zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige – was nützt es?
Jakobus 2,15-16
Interessant ist auch folgende Passage, als Jesus nach seiner Auferstehung am Ufer stand, bevor Petrus erkannte, wer er ist:
Da sagt jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr. Simon Petrus nun, als er hörte, dass es der Herr sei, gürtete das Oberkleid um – denn er war nicht bekleidet (gymnos) – und warf sich in den See.
Johannes 21,7
Petrus war nicht nackt im modernen Verständnis – aber sehr wohl im biblischen! Er sah es als notwendig an, dem Herrn nicht in seinem Untergewand zu begegnen.
Manche Passagen sind wiederum ambivalent. Dies offenbart, dass das Wort Gottes zwischen vollständiger und teilweiser Nacktheit längst nicht so stark unterscheidet wie die meisten von uns. Würden wir diese Passagen heute verfassen, wären wir längst nicht so ambivalent wie die Autoren des Neuen Testaments.
Gleichzeitig wird deutlich, dass das Tragen eines langen Kleidungsstücks offenbar nicht reichte, um als bekleidet zu gelten, während heute besonders zu Sommerzeiten schon viel weniger, und oftmals weitaus enger anliegender, Stoff als Kleidung qualifiziert wird.
Der erste und letzte Modedesigner
Weniger ambivalent ist das weiße Gewand, gr. stolé, das die verherrlichten Heiligen in Offenbarung 6,11 und 7,9 erhalten werden, mit dem sie vor dem Thron und vor dem Lamm stehen. Dieses per Definition lange, fließende Gewand dient als griechisches Äquivalent des kuttoneth.
Wir sehen also, dass Gott Sein Volk seit Beginn der Menschheitsgeschichte kleidet, als Bedeckung unserer Scham, über die fest definierte Bekleidung der Hohepriester zu Mose Zeiten als auch zur endgültigen Verherrlichung.
Die Entkleidung der Moderne
Vor wenigen Jahren traf ich zum letzten Mal die Entscheidung, öffentlich schwimmen zu gehen. Ein paar nepalesische Brüder luden mich zum See ein. Was wir nicht wussten: Einige Meter neben dem Familienstrand gab es einen FKK-Bereich. Mein Bruder Som wagte es, sich einer alten Dame, die dort völlig entblößt war, zu nähern und sie zu fragen: „Schämen Sie sich nicht?“
Dies brachte mich später zum Grübeln. Ich landete in Gedanken wieder bei Adam und Eva: Sie unternahmen ihren lächerlichen Versuch, sich zu kleiden, indem sie gerade so ihre Genitalien bedeckten. Ist das etwa der Grund, warum ich mich an öffentlichen Bädern nie wohlfühlte? Was ist denn ein Bikini, wenn nicht das Gerade-so-Bedecken unserer intimsten Bereiche? Und müsste man konsequent dieser Frau nicht die selbe Frage stellen, wenn sie ein Bikini tragen würde?
Ich erinnere mich an ein paar Mädchen in meiner damaligen Schulklasse, die zufällig immer zum Schwimmunterricht ihre Periode hatten. Ob es wohl nicht jedem von ihnen passte, so viel Haut vor männlichen Mitschülern und Lehrern zu zeigen? Sollte es denn sein, dass Klassenkameraden in diesem beschämenden Zustand voreinander auftreten?
Ausgerechnet in Herne, der Stadt, in der ich damals lebte, sorgte ein Gymnasium für Schlagzeilen, als dieses 20 sog. „Burkinis“ anschaffte, da so viele muslimische Schülerinnen den eigentlich verpflichtenden Schwimmunterricht schwänzten. Die Empörung war groß, auch in meinem christlichen Umfeld.
Mittlerweile bin ich viel empörter über eine ganz andere Tatsache: Dass viele Christen ausgerechnet die muslimische Kleiderordnung als solch großen Schandfleck des Islams betrachten. So haben doch Muslime, mit allen ihren leider tiefgründigen geistlichen Fehlern, und in all ihrer Inkompatibilität mit unserem Glauben durch ihr fehlendes Fundament, gerade in diesem Punkt ein zumindest äußerlich biblischeres Auftreten als viele Christen! Sie haben eine klare Definition von Sittsamkeit und Schamhaftigkeit. Auf welcher biblischen Grundlage äußern wir unsere Kritik?
Die Antwort kann ich geben: Wir haben jeglichen Versuch, biblische Kleiderordnung zu verstehen, durch westlichen Individualismus und eine weltlich geprägte Definition von Freiheit ersetzt – eine Definition, die nicht entfernter von der biblischen sein könnte. Das betrifft nicht nur die Art, wie wir uns kleiden.
Die Entwicklung der Bademode
Der Bikini ist ein sehr hilfreicher Indikator, wie wir als Christen historisch mit Kleidung umgegangen sind. Warum? Er schöpft gewissermaßen das Extreme aus, um unserer Betrachtung zu dienen.
Viele lassen noch mit sich reden, wenn es darum geht, was wir sonntags zum Gottesdienst tragen. Das Prinzip, das sie dann nur vergessen: Der Gottesdienst eines Christen sollte sich nicht auf vier Wände und wenige Stunden der Versammlung in der Woche beschränken.
Wenn es um den Strand oder das Freibad geht, besonders sobald wir von Sommertemperaturen sprechen, sehen viele von uns einen Freifahrtschein in die Zügellosigkeit. Irgendwie gelten nun keine Regeln mehr. Wir werden den Heiden so ähnlich, dass uns an diesen Orten praktisch nichts mehr von ihnen unterscheidet. Unsere Frauen sammeln die selben Blicke, sei es zum Vergleich der anderen Frauen oder die Wollust der Männer. Und die Männer tun meist genauso wenig, sich hier abzusondern.
Das wirft die notwendige Frage auf: Wie haben sich Christen an öffentlichen Badeplätzen historisch verhalten? Jeff Pollard, Autor von Christian Modesty and the Public Undressing of America, liefert einen hilfreichen Rückblick:
Nach dem Fall des Römischen Reiches waren die dort beliebten Badeaktivitäten gesellschaftlich kaum noch ein Thema. Erst im 18. Jahrhundert kam es in englischen und französischen öffentlichen Bädern zurück.

Im frühen 19. Jahrhundert brach der neue Trend in die USA ein. Alle Wasseraktivitäten wurden zwischen beiden Geschlechtern getrennt: Männer und Frauen schwammen entweder in separaten Bereichen oder zu verschiedenen Uhrzeiten.
„Unsere Kultur entsprang im Allgemeinen einem biblischen Weltbild, das das Bedecken des Körpers beinhaltete“, so Pollard. Dank diesem Weltbild entsprach die Badeuniform derselben Philosophie wie die Straßenuniform.
Heute würden wir dieses Bild mit dem Islam verbinden. Vor nur etwas mehr als 100 Jahren nannte man dies Christentum.



Aufgrund offensichtlicher Limitierungen im Schwimmerlebnis trat die säkuläre Modewelt ein. Pollard zeigt auf, wie früh die Unterwäsche-Industrie bereits in der Gestaltung von Badebekleidung involviert war. Seit über einem Jahrhundert entkleidet die Modewelt die Frau Stück für Stück.
In den 1900er-Jahren begann man, die Arme der Frau zu entkleiden. Was heute harmlos klingt, war vor 120 Jahren noch ein gewagter Schritt – die Schultern und Arme einer Frau waren in der Öffentlichkeit standardmäßig bedeckt, wie obige Bilder noch zeigen.
Die 20er entfernten stückweise die Bedeckung der Beine und des Rückens. „Eine Frau, die heute einen sogenannten ‚züchtigen‘ Badeanzug trägt, wäre 1922 verhaftet worden.“ (Pollard)
In den 30ern entstand der erste zweiteilige Badeanzug, was erstmals den heute bekannten Ausschnitt einführte. Dies war so neu, dass die eigenen Showroom-Models des Designers „über die beispiellose Entblößung des nackten Bauches so entsetzt waren, dass sie sich weigerten, ihn anzuziehen.“
Die explosive Einführung des Bikinis
In den 40ern entstand ganz offiziell der Bikini. Der Modedesigner Louis Réard fand kein Model, das sein Produkt freiwillig tragen würde. Erst in einem Pariser Striplokal fand er sein frewilliges Opfer, Micheline Bernardini. Benannt wurde der Bikini nach dem Bikini Atoll, der Ort des Atombombentests der Vereinigten Staaten, der vier Tage vor Réards Enthüllung stattfand. Den Namen fand er passend, da er korrekt prophezeite, dass dieses „Kleidungsstück“ eine explosive Wirkung auf die Gesellschaft und die sexuellen Gemüter der Männer haben würde. So vermarktete er ihn sogar als „anatomische Bombe“.
Es bringt an dieser Stelle wenig, den Verlauf den 40er-Jahre bis heute zu verfolgen. Was klar ist: Die systematische gesellschaftliche Konditionierung durch Fernsehen, Kino und Magazine war erfolgreich. Der Bikini wurde immer kleiner; heute sind bereits Tangas an Stränden und in öffentlichen Familienbädern keine Seltenheit. Ich bezweifle, dass Eva mit ihrer selbstgemachten Schürze aus Feigenblättern weniger bedeckte, als die meisten Frauen auf Stränden heute.
Kaum anders ist es beim modernen einteiligen Badeanzug – dieser liegt durch moderne, synthetische Stoffe nicht nur mittlerweile viel enger an, sondern entwickelte sich zum immer knapperen Modell, das heute bekannt ist.
Der gottgewollte Zweck von Kleidung, also zu bedecken, ist im Badeanzugkatalog nicht mehr auffindbar. Das Ziel ist es, den Körper so schön wie möglich darzustellen. Die Kleidung versteckt nichts, sondern soll zeigen, was da ist – oder das „Bedeckte“ gerade so der Fantasie zu überlassen, dass neben Sex kaum noch ein Gedanke übrig bleibt, wenn man dich anguckt.
Schamhaftigkeit & Sittsamkeit – 1. Timotheus 2,8-10
Paulus gebietet mit klaren Worten:
Ich will nun, dass die Männer an jedem Ort beten, indem sie heilige Hände aufheben, ohne Zorn und zweifelnde Überlegung. [9] Ebenso auch, dass die Frauen sich in bescheidenem Äußeren mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, [10] sondern – was Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen – durch gute Werke.
1. Timotheus 2,8-10
Hier nutzt Paulus die Worte Schamhaftigkeit und Sittsamkeit. Diese werden sichtbar im bescheidenen Äußeren. Entsprechend sollen die Frauen sich schmücken. Dieses Wort ist kosmeo, woher wir den Kosmos und Kosmetik haben. Es heißt hier so viel wie „sich durch Dekoration attraktiv machen, sich schmücken, zieren“ (BDAG). Bestärkt wird es durch kosmios (hier: bescheiden).
Paulus verbietet es Frauen nicht, nach Schönheit zu trachten. Dieser natürliche Wunsch einer Frau wird unter die Leitung des Heiligen Geistes gebracht. Der Kontext anhand des Vokabulars (Haarflechten, Gold, Perlen, kostbarer Kleidung) deutet auf ein luxuriöses Äußeres als Antithese zu den guten Werken als Folge des Bekenntnisses zur Gottesfurcht. Viele Ausleger sind sich einig, dass Paulus hier ein kulturelles Phänomen aufgreift: Er beschreibe die Uniform einer Kurtisane, einer adligen Prostituierten. Diese Kleidung spiegelt neben ihrer Opulenz die sexuelle Verfügbarkeit einer Frau.
Doch der mögliche kulturelle Hintergrund ist nicht entscheidend, sondern ein konsistentes Bild im Alten Testament. Hosea etwa greift immer wieder ein opulentes Auftreten in Zusammenhang mit Ehebruch auf, in diesem Kontext seitens Israel und Gott gegenüber:
Und ich werde an ihr die Tage der Baalim heimsuchen, an denen sie ihnen räucherte und sich mit ihren Ohrringen und ihrem Halsgeschmeide schmückte und ihren Liebhabern nachging; mich aber hat sie vergessen, spricht der HERR.
Hosea 2,15
Um den Text auf heute zu übertragen, ist es wichtig, zu verstehen, auf welches Prinzip Paulus deutet, um den Sinn dieses Textes nicht zu vergessen. Die moderne Hure kleidet sich nicht wie die des 1. Jahrhunderts. So wäre es besonders an so einer Stelle fatal, den Weg des Biblizisten zu gehen, der nun meint, kein Gold oder Perlen mehr tragen zu dürfen, oder seine Haare ungeflechtet lassen zu müssen.
Überhaupt würden wir den Sinn verpassen, wenn wir Paulus Gebot gesetzlich verstehen. Man erinnere sich: Es ist gerade die Antithese der inneren Herzenshaltung, die für ihn zählt; die Gottesfurcht und die guten Werke. Aus diesen heraus entscheidet die Tochter Gottes und Sklavin Christi, wie sie sich Tag für Tag kleidet. Und dabei soll ihr natürliches Verlangen nach Schönheit nicht unterdrückt werden.
Die Anmut ist Trug, und die Schönheit Eitelkeit; eine Frau, die den HERRN fürchtet, sie wird gepriesen werden.
Sprüche 31,30
Paul Washer zitiert passenderweise seine Ehefrau: „Wenn deine Kleidung ein Rahmen für dein Gesicht ist, aus dem die Herrlichkeit Gottes strahlen soll, dann ist sie angemessen, wenn sie die Aufmerksamkeit auf dein Gesicht lenkt. Wenn deine Kleidung die Aufmerksamkeit auf deinen Körper lenkt, um seine Formen zu betonen und ihn auffallen zu lassen, dann ist sie sinnlich.“
Dass unser von Gott verändertes Herz der bestimmende Faktor unserer Kleiderwahl sein soll, und dass letztere sehr wohl entscheidend ist (entgegen der Meinung, er würde hier lediglich aufs Innere und nicht auf Kleidung schauen), wird auch durch Paulus‘ Nutzung des Wortes Äußeren (katastolé) deutlich.
Neben der Schamhaftigkeit (aidos) erwähnt Paulus die Sittsamkeit (sophrosune), die in englischen Übersetzungen auch mit Nüchternheit oder Selbstkontrolle übersetzt wird. Der Gebrauch dieser Vokabel zeugt häufig von sexueller Zurückhaltung.
Das Äußere betrachtend, scheint sich also ein seidener Faden durch Paulus Worte zu ziehen: Eine Frau, die zu Gottes Familie gehört, hat sich nicht so zu kleiden, dass ihr Körper sexuelle Gedanken hervorruft. Man soll sie loben, ja, sogar für ihre Schönheit bewundern können. Wenn ihr Äußeres aber die Wollust anderer Männer hervorruft (und die eigene bezeugt), ist ihre Gottesfurcht zu hinterfragen.
Um zu verstehen, was denn wirklich diesen Effekt hat, und so manche Frau wird sich gerne ignorant geben (man möge ihr jedoch vergeben, denn wir leben in einer wirklich sexualisierten und dekadenten Zeit, sodass wir selbst in der Kirche die verrücktesten Dinge normalisiert haben), sollte eine Tatsache hier nicht außer Acht gelassen werden: Paulus sieht sich in der Lage, Frauen zu sagen, wie sie sich kleiden sollen. Der moderne Mann, und sei er Gemeindehirte, traut sich das so oft nicht mehr! Und kaum tut es noch die Schwester, um eine andere liebend zu ermahnen.
Denn am Ende, so der Zeitgeist, ist Kleidung doch ein höchstpersönliches und individuelles Thema. „Ich will damit doch niemanden verführen.“ „Ich fühle mich wohl darin.“ „Es ist nicht meine Schuld, dass Männer sich nicht zurückhalten können.“
Wir sind moderner und liberaler, als wir oft annehmen.
Petrus ermahnt die Frauen mit ähnlichen Worten:
Ebenso ihr Frauen, ordnet euch euren eigenen Männern unter, damit, wenn auch einige dem Wort nicht gehorchen, sie durch den Wandel der Frauen ohne Wort gewonnen werden mögen, 2 indem sie euren in Furcht reinen Wandel angeschaut haben; 3 deren Schmuck nicht der äußere sei durch Flechten der Haare und Umhängen von Goldschmuck oder Anziehen von Kleidern, 4 sondern der verborgene Mensch des Herzens in dem unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes, der vor Gott sehr kostbar ist. 5 Denn so schmückten sich einst auch die heiligen Frauen, die ihre Hoffnung auf Gott setzten und sich ihren eigenen Männern unterordneten: 6 wie Sara dem Abraham gehorchte und ihn Herr nannte, deren Kinder ihr geworden seid, wenn ihr Gutes tut und keinerlei Schrecken fürchtet.
1. Petrus 3,1-6
Petrus bringt die Kleidung in den direkten Zusammenahng mit Unterordnung und den in Furcht reinen Wandel der Frau. Auch er ist stark antithetisch: Der Schmuck (kosmeo) der Frau sei nicht der äußere, sondern der verborgene Mensch des Herzens in dem unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes, der vor Gott sehr kostbar ist.
Der Schmuck selbst ist die Unterordnung, was er in Vers 6 durch den Vergleich mit Saras Gehorsam Abraham gegenüber verdeutlicht. Und auch hier ist ihr Wandel untrennbar von dem, wie sie sich äußerlich präsentiert. Während der Zeitgeist also sagt, dass wir jemandes Herz nicht an seinem Äußeren beurteilen können, sagt Petrus hier genau das Gegenteil. Der Schein trügt nicht.
Abschließend sei der entscheidende Punkt erwähnt, ohne den wir nicht einmal die halbe Wahrheit erkennen: Die Furcht und Anbetung Gottes dienen als Ausgangspunkt unserer Entscheidung, wie wir uns kleiden. Bevor Petrus Saras Unterordnung gegenüber Abraham erwähnt, geht es um den sanften und stillen Geist, der vor Gott sehr kostbar ist.
Was ist mit Männern?
Es sei in Paulus‘ Ermahnung herauszustellen, dass sein Brief an Timotheus verschiedene gruppenspezifische Warnungen enthält. Er greift über den gesamten Brief hinweg bestimmte Gruppen auf, die von besonderen Versuchungen betroffen sind, wie den Zorn unter Männern, wenn sie sich zum Gebet versammeln (Vers 8) oder den Hochmut der Reichen (6,17-18).
Selbstverständlich können Arme höchmütig sein und Frauen zornig Diskussionen führen, die Gebetsversammlungen trüben. Genauso können sich Männer schamlos entkleiden und ihre Körper zur Schau stellen; Gott bekleidete immerhin nicht nur Eva, sondern auch Adam. Doch die männliche Versuchung ist hier von Natur aus bei weitem nicht dieselbe wie bei den Frauen. Der Puritaner Richard Baxter beschrieb Frauen in diesem Kontext als „Candles among gunpowder“ („Kerzen in der Nähe von Schießpulver“); die Versuchung eines Mannes, durch die visuelle Kraft einer Frau in Sünde zu geraten, wird durch bewusst oder unbewusst unweise gewählte Kleidung übermäßig erhöht, wie es im umgekehrten Fall kaum stattfindet.
Im Umkehrschluss darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch die äußere Schönheit einer Frau im Kontext der Ehe nicht zwecklos bleibt. Sprüche 5, der Segenswunsch eines Vaters an seinen Sohn, erläutert sowohl die Gefahr der Verführung der fremden Frau, dessen Füße in den Tod hinabsteigen und dessen Schritte am Scheol haften (Vers 5), als auch den Segen der Frau deiner Jugend … ihre Brüste mögen dich berauschen zu aller Zeit, taumle stets in ihrer Liebe (Vers 19).
Die berauschende Kraft des Körpers der Frau ist ein Fluch in der Öffentlichkeit, und sie kann zur Fremden für viele Männer werden. Richtig eingesetzt hat sie aber einen wunderbaren Zweck in dem heiligen Bund ihrer Ehe.
Fazit: Wir haben uns entblößt
Wie zuvor bereits angedeutet, war die visuelle Macht des weiblichen Körpers und die natürliche Schwäche des Mannes etwa in bestimmten Zeiten des viktorianischen Englands und den USA des frühen 19. Jahrhunderts kein Geheimnis. Ein biblisches Weltbild war die gesellschaftliche Norm, und dieses diktierte auf ganz organische Weise die Kleiderordnung, sei es auf der Arbeit, auf der Straße oder sogar im öffentlichen Schwimmbad sowie am Familienstrand. Nicht das Wetter bestimmte unsere Kleiderwahl, sondern ein Selbstverständnis der Schamhaftigkeit und des Respekts – des Selbst und der Mitmenschen, geordnet unter dem Willen Gottes.
Die weltliche Modeindustrie hat es geschafft, Leggings, Bikinis, Miniröcke, Hotpants, Minikleider und Dekolletés zu normalisieren. Dieser Schritt mag für die Welt verständlich sein, die verloren ist und Gott nicht sucht. Der Eintritt in die Kirche und die Köpfe der Heiligen, die Christi Repräsentanten auf dieser Erde sind, erfordert jedoch ein radikales Umdenken.
Um nun auf die ursprüngliche Frage, auf die dieser Beitrag baut, zurückzugehen: Wir haben zu wenig von Paulus und Petrus in der Gemeinde, die bereit sind, klare Worte zu den Frauen zu reden; wir haben zu wenig ältere Frauen, die den jüngeren beibringen, was sich geziemt; und wir haben der Welt viel zu viel Raum gegeben, unseren Maßstab zu definieren, sodass viele von uns überhaupt gar keine Definition mehr von biblischen Fundamenten wie die Schamhaftigkeit oder Sittsamkeit besitzen.
Was hält uns ab, zurückzukehren zu einer biblischen Grundlage bei unserer täglichen Entscheidung, wie wir uns kleiden?
Ich bete zum Herrn, dass er durch diesen Beitrag Herzen verändert.

Weiterführende Ressourcen
Viel mehr könnte zur Schamhaftigkeit und Sittsamkeit aus biblischer Sicht geschrieben werden, doch weitaus erfahrenere Geschwister haben dies schon vor mir getan:
Neben Jeff Pollards Buch Christian Modesty and the Public Undressing of America (Goodreads) empfehle ich Ryan Fullertons Predigt mit dem Titel „Modesty: A Biblical Approach“. Für Frauen empfiehlt sich der kurze Ratgeber Interessiert es Gott, was ich trage? von Nancy DeMoss Wolgemuth.

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