Es mag viele Mittel und Methoden geben, die Bibel zu studieren, doch kein Weg führt um Wörterbücher oder Lexika herum, um den (oft zahlreichen) Bedeutungen der mindestens zweitausend Jahre alten Wörter auf den Grund zu gehen, mit denen wir es in jedem einzelnen Vers zu tun haben. Es ist gerade das Wortstudium, das uns die Welt, Kultur und Theologie der Autoren des Alten und Neuen Testaments eröffnet.
In diesem Beitrag zeige ich auf, welche die wichtigsten und bekanntesten Lexika sind, bevor ich aufzeige, wie man diese für das Bibelstudium nutzt. Ich fokussiere mich hier nur auf solche, die das griechische Neue Testament betrachten. Im Fazit nenne ich die äquivalenten Favoriten für das Alte Testament, Hebräisch und Aramäisch.
Inhaltsverzeichnis
Der mangelhafte Mainstream
Der Bibelstudent muss keinen Cent ausgeben, um Zugriff auf die besten Bibelübersetzungen in allen Sprachen zu haben (mehr dazu in meinem letzten Artikel). Bibellexika haben jedoch ein großes Problem im digitalen Zeitalter: Alles, was kostenlos online zur Verfügung steht, ist alt – so alt, dass es sich bereits in der Public Domain befindet, die diese Ressourcen kostenfrei macht. Diese sieht vor, dass der Autor eines Werkes seit mindestens 70 Jahren verstorben ist. Die Folge: Die meisten von uns nutzen Wörterbücher aus dem 19. Jahrhundert!
Für keine tote Sprache ist dies ein größeres Problem als für Koine-Griechisch, die Sprache des Neuen Testaments: Diese Lexika sind entstanden, bevor die meisten antiken Handschriften in ebendieser Sprache ausgegraben und erforscht worden sind, zu denen wir heute Zugang haben und die uns massiv hilfreiche Infos dazu liefern, was Wörter bedeuten und wie sie in welchen Zusammenhängen genutzt wurden.
Das meistbenutzte Wörterbuch ist zweifellos das Strong’s. Der Grund ist simpel: Die Strong-Konkordanz ist ein hilfreiches, bis heute standardmäßig genutztes System zur Kategorisierung der griechischen Vokabeln. Das dazugehörige Wörterbuch, das sich auf einfache Definitionen begrenzt, wird von Plattformen wie BlueLetterBible, Bible Hub oder der YouVersion-Bibel-App mitgegeben. Dieses Wörterbuch wurde 1890 veröffentlicht.
Die berühmten Alternativen heißen Thayer’s Greek Lexicon (1889), Brown-Driver-Briggs für Hebräisch/Aramäisch (1906) und Vine’s Expository Dictionary (1939-1940). All diese Optionen finden wir auf BlueLetterBible – und nichts aktuelleres. Macht es das zu einer schlechten Plattform? Auf keinen Fall; sie ist kostenlos und ihre Entwickler können somit einfach keine besseren, aktuellen Ressourcen zur Verfügung stellen. Es liegt am Bibelstudenten, zu wissen, wie er damit umgeht. Genau dafür ist dieser Beitrag da.
Die Geschichte der Lexika
Im frühen 16. Jahrhundert wurde das erste Bibellexikon, die Complutensische Polyglotte, veröffentlicht, bestehend aus sagenhaften 75 Seiten von Wörtern mit ihren lateinischen Äquivalenten. Im Mittelalter war das Lernen der griechischen Sprache kein akademischer Standard. Die Bibel wurde in ihrer lateinischen Übersetzung studiert; das Gleiche galt für griechische Philosophie.
1868 gab es den ersten signifikanten Sprung, als Carl Ludwig Wilibald Grimm das 1839 erschienene Lexikon von Christian Gottlob Wilke überarbeitete. Dieses Lexikon war es, das Joseph H. Thayer als deutsche Grundlage nutzte, um 1886 sein englisches Lexikon zu veröffentlichen.
Die neutestamentliche Lexikographie des 19. Jahrhunderts war von einem gutgemeinten Irrglauben geprägt, das Neue Testament sei in einem „Heiliger-Geist-Griechisch“ geschrieben worden. Der Theologe Hermann Cremer etwa schrieb 1866 als Vorwort zu seinem Lexikon:
„Man kann in der That mit gutem Fug von einer Sprache des Heiligen Geistes reden. Denn es liegt in der Bibel offen vor unsem Augen, wie der in der Offenbarung wirksame göttliche Geist jedesmal aus der Sprache desjenigen Volkskreises, welcher den Schauplatz jener ausmacht, sich eine ganz eigentümliche religiöse Mundart gebildet hat, indem er die sprachlichen Elemente, die er vorfand, ebenso wie die schon vorhandenen Begriffe zu einer ihm eigentümlich angemessenen Gestalt umformte.“
Thayer, dessen Lexikon 1886 erschien, stimmte diesem Gedanken zu. Er listete etwa 300 Wörter auf, die nur in der Bibel und nirgendwo sonst in der antiken Literatur auffindbar waren. Dies ist nicht korrekt – besser hätte er dies zu seiner Zeit allerdings auch nicht wissen können. Erst kurze Zeit später nämlich, in den 1890ern, entdeckte man antike Manuskripte, die die Möglichkeiten der Lexikographie massiv verbesserten. Was deutlich wurde: Das Neue Testament wurde in einem ganz alltäglichen, für die Masse verständlichen Griechisch geschrieben. Rodney J. Decker kommentiert zurecht: „Es ist bedauerlich, dass seine (Thayers) umfangreichen Bemühungen so schnell hinfällig wurden.“
Thayer war zudem Unitarier. Das ist in sich für eine wissenschaftliche Arbeit kein Problem; leider sind seine Definitionen zum Teil sichtbar davon geprägt, dass er die Dreieinigkeit nicht für biblisch hielt. Bereits in seinem Vorwort gibt er diesen Einfluss bekannt, sein Wörterbuch sei explizit ein theologisches. Geprägt sind hierdurch elementare Einträge wie υἱός (Sohn) oder θεός (Gott). Bei πνεῦμα (Geist) heißt es im Lexikon grundsätzlich „It“ und nicht „He“, sodass die Identifikation mit Gott nicht besteht.
1910 veröffentlichte Erwin Preuschen das erste Lexikon, das das neue Wissen aus den ersten der vielen noch zu erforschenden Manuskripte (ein Prozess, der noch heute währt) inkludierte. 1928 war es aber, als Walter Bauer auf Preuschens Werk aufbaute. 1952 veröffentlichte er seine vierte Edition. 1957 wurde diese von William F. Arndt und F. Wilbur Gingrich ins Englische übersetzt und überarbeitet, woraus die BAG entstand. 1958 erschien Bauers fünfte und letzte Edition, mit viel neuen Informationen, die eine neue englische Revision veranlassten, die 1979 erschien: Das BAGD (Bauer Arndt Gingrich Danker). Dieses massive Lexikon übertraf Bauers Werk inhaltlich noch einmal deutlich, und nutzte neue Informationen aus Manuskripten. 2000 erschien dann das BDAG, woran allein F. William Danker arbeitete, da Arndt und Gingrich bereits verstorben waren.
Das 2000 erschienene BDAG ist also das aktuellste Standard-Lexikon, das wir heute besitzen. Kein deutsches Lexikon kommt diesem im Umfang nur ansatzweise nahe – genau genommen hinkt es schon 68 Jahre hinterher, da nach Bauer kein deutschsprachiger Theologe dasselbe Unterfangen wagte wie er.
Kurzer Überblick über Lexika
Um es zu vereinfachen, hier eine Liste der wichtigsten und/oder bekanntesten Lexika und ihre Einordnung:
- Das BDAG (2000) ist der unbestrittene, objektivste König unter den Bibelwörterbüchern. Wer alle Definitionen zu einem Wort erhalten möchte, mit einer ausschöpfenden Auflistung aller Vorkommnisse mit der jeweiligen Bedeutung (hier kommt der Lexikograph nicht um eine gewisse Wertung herum!), wird nichts annähernd so Zuverlässiges finden. Nicht nur das Neue Testament, sondern auch die Septuaginta (also das griechische Alte Testament) und eine massive Datenbank an frühkirchlichen und antiken weltlichen Schriften sind hier mit eingeschlossen, was das Studium eines Wortes in scheinbar unendlicher Tiefe ermöglicht.
- Die Strongs-Konkordanz (1890) ist zweifellos das meistbenutzte „Wörterbuch“, aber eigentlich kein Lexikon und längst veraltet und unzuverlässig.
- Das Thayer-Lexikon (1889) ist veraltet und stark theologisch mitunter durch den Unitarismus geprägt.
- Abbott-Smith (1937) ist veraltet.
- Vine’s Expository Dictionary (1996) ist oft auf Etymologie fokussiert und liegt oftmals nachweisbar falsch.
- Louw and Nida (1989) ist deutlich aktueller als die meisten Optionen, dient aber einem anderen Zweck (semantische Gruppierung der Wörter).
- Liddell and Scott/LSJ (1996) ist ein akademisch respektiertes Lexikon, aber kein Bibellexikon, sondern fokussiert auf Altgriechisch – wodurch dennoch die LXX und das NT eingeschlossen sind.
- Newman’s Dictionary (2010) ist aktuell, aber nur für Anfänger gedacht und bietet lediglich einfache Übersetzungen, keine detaillierten Definitionen (weshalb es ein Wörterbuch und kein Lexikon ist).
Rodney Decker fasst zusammen: „Kauf dir BDAG (falls nötig, verkaufe dein Auto!) und lerne, es zu nutzen. Du wirst deinen Kauf nicht bereuen.“ (Ins Deutsche übersetzt).

Für eine ausführliche Anleitung zur Nutzung des BDAG ist diese PDF von Rodney J. Decker, aus der ich viele Informationen für diesen Beitrag entnommen habe, Gold wert.
Theologische Lexika
Zusätzlich zu regulären Lexika gibt es noch sog. theologische Lexika. Diese Werke geben nicht bloß die Definition wieder, sondern erklären, wie ein Wort seitens der verschiedenen Autoren verwendet wird, statt nur eine möglichst genaue kompakte Definition zu liefern. Die Einträge ähneln eher Aufsätzen.
Der Standard in diesem Fall ist das New International Dictionary of New Testament Theology and Exegesis (NIDNTTE) von Moisés Silva. Über Bibelsoftware beläuft sich der Preis auf $250 (~220€), eine Investition, die nur teuer erscheint, wenn man noch nicht weiß, wie massiv und ausschöpfend dieses 5-teilige Werk ist. Wie wir sehen, ist das Veröffentlichen signifikanter neuer Lexika kein häufiges Ereignis in der Geschichte. Da das NIDNTTE 2014 veröffentlicht wurde, wird es sicher noch mindestens die nächsten zwei Jahrzehnte das Standardwerk in diesem Umfang bleiben.
Neben Kommentaren ist das NIDNTTE mein meistgelesenes Referenzwerk, wenn ich ein Buch studiere.
Hier bspw. ein Auszug aus dem Eintrag für γενεά:

Wie man sieht, ist es hier unmöglich, den gesamten Eintrag auf einem Screenshot einzufangen. Es ist aber genug, um einen guten Eindruck zu geben, was das Lexikon bietet.

Wie wir hier sehen, wird γενεά mitsamt seinen semantisch verwandten Wörtern gelistet; der Eintrag umfasst in diesem Fall also alle fünf relevanten Vokabeln. Daneben erhalten wir jeweils eine schnelle Übersicht der möglichen direkten Übersetzungen des Wortes.
Weiter unten sehen wir, unter welchen Konzepten das Wort im Inhaltsverzeichnis gelistet ist. Wenn ich z. B. auf Family klicke, sehe ich alle in diese Kategorie passenden Wörter, z. B. Vater, Schwester, Bruder, Nachkomme, Erstgeborener, etc.:

Zurück zum Eintrag für γενεά: Sofern zutreffend, gibt es jeweils einen Eintrag für Klassische Griechische Literatur bzw. „General Literature“ (GL), Jüdische Literatur (JL) und Neues Testament (NT):

GL umfasst die Nutzung eines Wortes in der vorklassischen Zeit bis zum endgültigen Ende des römischen Zeitalters, also etwa 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. Darin eingeschlossen sind bspw. häufig die berühmten Werke von Homer. Das Wissen aus dem LSJ-Lexikon, das ich weiter oben mit aufgezählt habe, wird hier oft angezapft.
Wichtig ist diese Kategorie häufig, um den kulturellen griechisch-römischen Kontext, in dem die Autoren des Neuen Testaments gelebt haben, besser zu verstehen. Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen Jesus, Paulus oder Johannes Wörter radikal neu definieren – aber gerade diese Radikalität erst ersichtlich ist, wenn man versteht, wie sie im weltlichen Kontext verstanden wurden . Ein perfektes Beispiel dafür ist φιλοξενία (Gastfreundschaft), wozu ich bereits einen Beitrag geschrieben habe – dieser wäre ohne die Hilfe von NIDNTTE nicht annähernd so ausführlich geworden.
JL umfasst die LXX (Septuaginta), also das griechische Alte Testament, aus dem die Autoren des Neuen Testaments oft zitieren, und einige rabbinische Quellen, Historiker wie Josephus und z. B. die Qumran-Schriften.
Neben der LXX werden hilfreicherweise auch die hebräischen und aramäischen Äquivalente berücksichtigt.
NT umfasst ganz simpel das Neue Testament. Dies ist logischerweise meist der ausführlichste Teil, mit vielen verschiedenen Ober- und Unterdefinitionen von Wörtern. Das BDAG dient hier neben Louw and Nida als zentrale Informationsquelle.
Da wir von theologischen Lexika sprechen, kann ich das simplere, aber durchaus hilfreiche New Dictionary of Biblical Theology (NDBT) aus dem Jahre 2000 nicht unerwähnt lassen, das aber eher durch Konzepte führt und darin viele Vokabeln sammelt als dass man es ein Lexikon nennen könnte.
Fazit
Wer Predigten, Hauskreise oder theologische Beiträge in irgendeiner Form vorbereitet, kommt für maximale Zuversicht nicht um das BDAG-Lexikon herum. Auch wer Kommentare liest, wird feststellen, dass kein Autor der letzten Jahrzehnte auf irgendetwas anderes setzt als BDAG oder eine der früheren Editionen, wenn der Kommentar vor der Jahrtausendwende erschienen ist. Das genauso unbestrittene hebräisch-aramäische Äquivalent für das Alte Testament ist Hebrew and Aramaic Lexicon of the Old Testament (HALOT). Zur Veröffentlichung dieses Beitrags sind beide als Paket für 179$ (~155€) auf Accordance, meiner bevorzugten Bibelsoftware (mehr dazu in einem folgenden Beitrag), im Angebot (regulär sind es 239$). Es gibt hier keine nennenswerte Konkurrenz; wenn auch das Nutzen des BDAG einen beliebig tiefen Umfang erreichen kann, so ist es genauso in der simpelsten Form nutzbar, also lediglich die einzelnen Definitionen eines Wortes zu betrachten, ohne sich mit den Quellen und tiefergehenden Erläuterungen darin zu beschäftigen, wodurch simplere Alternativen wie das ansonsten gute Newman’s Dictionary hinfällig werden.
Das NIDNTTE ist ein Zusatz (kein Ersatz) für alle, die neben einem Lexikon auch noch tiefgreifenden Kommentar haben möchten. Dieses Werk ist massiv und es gibt hier nichts Vergleichbares. Aufgrund der starken Nutzung des BDAG, den zusätzlichen Informationen, die es enthält und der übersichtlichen Darstellung, nutze ich dieses häufiger als das BDAG selbst. Das hebräisch-aramäische Äquivalent, ebenfalls von Zondervan herausgegeben, ist das New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis (NIDOTTE) aus 1997.
Weiterführende Ressourcen
- Der größte Teil der hier gegebenen Informationen stammen aus Rodney Deckers sehr ausführlicher Anleitung, die hier als PDF verfügbar ist.
- D. A. Carsons Buch Exegetical Fallacies (auf Dt. Stolpersteine der Schriftauslegung) geht durch eine große Liste an Fehlern, die man machen kann, wenn man Wörter studiert. Darunter zählt auch das Nutzen unzuverlässiger Wörterbücher, die Nutzung von Definitionen, die für die Zeit des Neuen Testaments keine Relevanz mehr haben und eine Fülle an Beispielen von falschen Wortauslegungen, die bis heute auf großen Bühnen wiederholt werden (wie „Agape ist die Gottesliebe“, „die ekklesia steht für Herausgerufene“ oder „dynamis bedeutet explosive Kraft, weil wir daher das Wort Dynamit haben“.

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